Der Meermann
Der verdiente, unlängst verstorbene Algenforscher Balduin Semmler machte vor etlichen Jahren, als in der Welt noch Friede herrschte und die Völker harmlos miteinander verkehrten, an der tyrrhenischen Küste die Bekanntschaft des Meermanns. Nicht unsres nordischen sagenberühmten, sondern einer bis dahin unbekannten südländischen Abart. Das ging so zu: Er hatte zum Zweck des Algensammelns eine Küstenstrecke gewählt, wo durch wiederkehrende Meeresströmungen zu gewissen Zeiten die Tiefseepflanzen besonders reichlich abgelagert werden. Das Häuschen, das er bewohnte, lag auf tellerflachem Strande so nahe ans Wasser gebaut, als die Tücke des Meeres es zuläßt, und gehörte zu einer landeinwärts gelegenen dörflichen Ansiedlung, die zum größten Teil aus Frauen bestand. Die jüngeren Männer, ein Geschlecht von Seeleuten, waren fast alle draußen auf langer Fahrt. Kamen sie vorübergehend nach Hause, so gaben sie sich mit großer Ausdauer dem Trunke hin, denn es wächst im Sande jenes Küstenstreifens ein Wein von verführerischer Güte und Billigkeit. Dabei leisteten ihnen die Alten Gesellschaft, die von ihren Seefahrten daheim bei Weib und Kindern ausruhten. Die Bestellung der Felder und der sonstigen eigentlichen Geschäfte, ausgenommen das bißchen Fischfang, lag zumeist in den Händen der Weiber, die davon ein solches Übergewicht bekamen, daß die Häuser durchweg nicht nach den männlichen