Chapter

Annemarie

Sie konnte noch immer nicht fassen, was geschehen war. Schattenhaft und unwirklich schien ihr das alles und war doch furchtbares Erleben: das schwarz ausgeschlagene Zimmer, der Sarg mit den langen weißen Kerzen, die süßlich duftenden Blumen, die vielen fremden Gesichter, der ganze dumme, läppische und doch so unsagbar grauenvolle Pomp, mit dem man das Sterben umgibt. Und nun war alles vorüber, die Möbel standen an ihren alten Plätzen, die Zimmer sahen aus wie sonst und das Leben des Tages schloß sich wieder zu über dem Grab, wie die letzten kleinen Wellen eines Wasserspiegels langsam verzittern, wenn ein Stein in die Tiefe gesunken ist. Starr und aufrecht saß sie im Bett, im Bann einer kindischen Hoffnung, daß es nur ein wirrer Traum gewesen; aber kein Zeichen geschah, die große Standuhr, die seine Hand noch aufgezogen, pickte in ewigem Gleichmaß die Sekunden auf, hart und kalt dröhnten ferne Glockenschläge von den Türmen, eine Stunde reichte der anderen die müde Hand, bis der Frühnebel über die Dächer kroch und unten die Straße zum gleichgültigen Alltag erwachte. Sie schloß die Augen und versank in einen Zustand zwischen Wachen und Traum; sie hörte den Briefträger die Treppenstufen heraufstampfen, im Vorzimmer klangen gedämpfte Worte, die Eingangstüre schnappte wieder ins Schloß; noch ein paar Minuten, dann mußte das Mädchen mit dem Frühstück kommen, den kleinen Tisch vor dem

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