Erstes Kapitel
Es war sehr still in dem grossen Hause; aber selbst auf dem Flur spurte man den Duft von frischen Blumenstraeussen. Aus einer Fluegeltuer, der breiten, in das Oberhaus hinauffuehrenden Treppe gegenueber, trat eine alte, sauber gekleidete Dienerin. Mit einer feierlichen Selbstzufriedenheit drueckte sie hinter sich die Tuer ins Schloss und liess dann ihre grauen Augen an den Waenden entlangstreifen, als wolle sie auch hier jedes Staeubchen noch einer letzten Musterung unterziehen; aber sie nickte beifaellig und warf dann einen Blick auf die alte englische Hausuhr, deren Glockenspiel eben zum zweitenmal seinen Satz abgespielt hatte. "Schon halb!" murmelte die Alte, "und um acht, so schrieb der Herr Professor, wollten die Herrschaften da sein!" Hierauf griff sie in ihrer Tasche nach einem grossen Schluesselbund und verschwand dann in den hinteren Raeumen des Hauses. Und wieder wurde es still; nur der Perpendikelschlag der Uhr toente durch den geraeumigen Flur und in das Treppenhaus hinauf; durch das Fenster ueber der Haustuer fiel noch ein Strahl der Abendsonne und blinkte auf den drei vergoldeten Knoepfen, welche das Uhrgehaeuse kroenten. Dann kamen von oben herab kleine leichte Schritte, und ein etwa zehnjaehriges Maedchen erschien auf dem Treppenabsatz. Auch sie war frisch und festlich angetan; das rot und weiss gestreifte Kleid stand ihr gut zu dem braeunlichen Gesichtchen und