Chapter

Vielliebchen

Ueber dem altfraenkischen Hausgarten lag die Septembersonne. Ein sechzehnjaehriger Knabe, das kluge huebsche Gesicht leuchtend vor Uebermut und quellender Jugendlust, schritt nach der Geissblattlaube, wo ein schlankes, wunderschoenes zwanzigjaehriges Maedchen auf der hellgruen gestrichenen Bank sass und ein Buch in der Hand hielt. "Stoere ich?" fragte er eintretend. Die junge Dame sah auf. "Ach, du bist's, Feodor?" "Ja, ich, Tante Marie! Erwartest du sonst wen?" "Das nicht," versetzte Marie Sanders. "Aber ich dachte, du haettest noch Schularbeiten..." "Das eilt nicht, Tante. Erst kommt das Wichtigere. Ich lauere naemlich seit ein Paar Tagen schon auf eine gute Gelegenheit, dich einmal ganz unter vier Augen zu sprechen." "So? Das klingt ja beinahe feierlich." "Es ist auch feierlich. Aber dabei auch ein bisschen komisch. Vielleicht lachst du mich aus." "Du machst mich neugierig. Setz dich da einmal her und sprich frei von der Leber weg!" "Tante, ich muss dir etwas Merkwuerdiges mitteilen. Unser Professor ist sterblich in dich verliebt." Das schoene blonde Maedchen erroetete. "Unsinn! Wie kommst du darauf?" "O, das ahnt mir schon seit geraumer Zeit. Neulich jedoch ist mir die Sache zur vollen Gewissheit geworden. Und, bei Lichte besehen, ist es ja doch wohl gerade kein Wunder. Ich bin zwar der Sohn deiner Schwester, aber ich muss dir trotzdem das ehrliche Kompliment machen: Du

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