Vetter Gabriel
In einer rheinischen Stadt, die durch die Schönheit und Munterkeit ihrer Frauen und Mädchen berühmt ist, ging eines heiteren Septemberabends ein junger Mann mit hastigen Schritten die Hauptstraße hinab auf das ansehnlichste Privathaus zu, in welchem von allen Schönen die Schönste wohnte. Er war eben mit dem Dampfschiff, das rheinaufwärts fuhr, gelandet und hatte sich auf dem fliegenden Steg allen anderen Passagieren vorgedrängt, als könne er die Zeit nicht erwarten, bis er den Fuß auf festen Boden setzte. Trotz des frischen Abendwindes trug er den mit schwarzem Flor umwundenen Strohhut in der Hand; sein blondbärtiges Gesicht war stark geröthet, das lose geknüpfte Halstuch schien ihm noch immer den Athem einzuengen; gleichwohl sprach er im raschen Gehen abgerissene Sätze vor sich hin, stand dann wieder, wie um Luft zu schöpfen, und benahm sich überhaupt so wunderlich selbstvergessen, daß mancher Vorübergehende ihn im Verdacht hatte, er habe wohl bei irgend einer Mostprobe den Gehalt des heurigen Jahrganges zu gründlich untersucht. Damit that man ihm nun freilich schweres Unrecht. Wenn er berauscht war, war es nicht von jungem Wein, sondern von alter Liebe, seiner ersten und einzigen, deren Aufblühen in unvordenkliche Tage, in die übermüthige Knabenzeit, zurückdatirte und somit Muße genug gehabt hätte, auszugähren und zu einem gesunden Haustrunk heranzureifen. Aber mancherlei