Kapitel 1
In der 14. Avenue, in einem der elegantesten Häuser dieser überhaupt bevorzugten Gegend von Neuyork, da hier gerade die Aristokratie der reichen Handelsstadt ihren Wohnsitz aufgeschlagen, saß an dem offenen Balkon, unter einer wahren Laube von hohen breitblätterigen Topfgewächsen, Jenny Wood, eines der schönsten und reichsten Mädchen der Stadt. Unmittelbar hinter ihr, aber so, daß er von der Straße aus nicht gesehen werden konnte und doch dicht neben der Geliebten war, in deren dunkelbraunen Locken seine Finger spielten, lehnte George Halay, ihr erklärter und glücklicher Bräutigam. Er hatte ihr zugeflüstert, wie selig er sich fühle, jetzt so nahe dem Ziel seiner Wünsche zu sein – denn in zwei Tagen sollte schon ihre Vermählung gefeiert werden – und einen heißen Kuß drückte er dabei auf die ihm zugekehrte schneeige Schulter – Jenny aber, ein etwas verzogenes Kind und sich ihrer Reize eigentlich ein wenig zu sehr bewußt, sagte, indem sie die Schulter emporzog und den Kopf halb zur Seite wandte: »Komm, George, sei vernünftig und betrag' dich anständig. Was sollen denn die Leute von uns denken, wenn sie uns von da drüben beobachten?« »Aber, Schatz, was kümmern uns die Leute!« lachte George. »Oder glaubst du etwa, daß mich einer deshalb tadeln – ja nicht von Herzensgrund aus beneiden würde?« »Aber, George,« rief Jenny halb beleidigt, indem sich ihr ein rosiger Hauch über Stirn und