Venus im Morgen
Diese Geschichte früher Ahnung, geschrieben auf der Höhe von Veyges im Frühsommer 1912, möchte ich in Deine reinen Hände legen, Mare-Meli. – Wird sie Dich je erreichen? Die Inselmänner sind braun und hart, haben schmale Lippen, kleine, sonnenverkniffene Augen, starke Gesichtsknochen und hakige Nasen. Die Weiber sind blaß und düster. Sie tragen schwarze Gewänder und schwarze Kopftücher. Sonntags haben sie eine goldene Kette um den Hals und ein dreieckiges, weißes Tuch auf den Schultern. Schwarze, weitkrämpige Hüte haben sie auf, die sie beim Grüßen lüften wie die Männer. Sie sehen immer ernst und grüßen nicht gern. Im Innern der Insel ist es wild. Hier ist die Zeit vor einigen Jahrhunderten stehen geblieben, damals, als der herrliche, wilde Graf noch lebte, der dem Kaiser zu trotzen wagte. Sie haben ihm den Kopf abgeschlagen – damals. Seine Landsleute können es nicht vergessen; sie trauern düster und stumm. Aber der Dorfwirt nennt seine Weinschenke und der Fischer seine Barke mit dem einzigen, heiligen Namen: Frankopan. Das Land ist wie ein Friedhof in der Sonnenglut. Um jede Handvoll Erde ringen die sehnigen Bauern hart und schweigend. Und dann tollt die lachende, urwilde Bora über die Insel und fegt die Steine glatt und zaust die Sträucher und springt jauchzend von den hohen Klippen in das sehnsüchtige Meer. Die Männer pressen die Lippen aufeinander und graben und rütteln an