Erstes Kapitel
Väter und Söhne Aus dem Russischen von Dr. Frida Rubiner Verlag für fremdsprachige Literatur Moskau 1946 »Na, Pjotr, ist noch nichts zu sehen?« fragte am 20. Mai 1859 ein etwa vierzigjähriger Mann, der in staubbedecktem Paletot und kariertem Beinkleid barhäuptig auf die niedrige Freitreppe eines Wirtshauses an der ***Landstraße getreten war, seinen Diener, einen jungen, pausbäckigen Burschen mit weißlichem Flaum auf dem Kinn und kleinen, trüben Äuglein. Dieser Diener, an dem alles, vom Türkisohrring in einem Ohr und dem pomadisierten melierten Haar bis zu den artigen Bewegungen, einen Bedienten der jüngsten, in sich vollkommenen Generation verriet, blickte gelassen die Straße entlang und antwortete würdevoll: »Nein, es ist nichts zu sehen!« »Nichts?« fragte der Herr. »Gar nichts«, wiederholte der Diener. Der Herr stieß einen Seufzer aus und nahm auf einer Bank Platz. Während er mit eingezogenen Beinen dasitzt und gedankenvoll die Augen umherschweifen läßt, wollen wir den Leser mit ihm bekannt machen. Er heißt Nikolai Petrowitsch Kirsanow. Er besitzt fünfzehn Werst vom Wirtshaus entfernt ein schönes Gut mit zweihundert Seelen Zur Zeit der Leibeigenschaft in Rußland wurden die leibeigenen Bauern auch als »Seelen« gezählt. (Anm. d. Übers.) oder – wie er sich auszudrücken pflegt, seitdem er sein Land von dem der Bauern abgesteckt und eine »Farm« angelegt hat – zweitausend