Die-Hueterin-Des-Ausgleichs
Die Stadt Avena kannte keine Münzen, und Noor hatte ihr ganzes Leben damit verbracht zu lesen, was die Menschen stattdessen gaben.
Sie arbeitete in der Gläsernen Allmende, einer langen Halle, deren Wände aus Scheiben wiederverwendeten Glases bestanden, damit jeder, der vorüberging, das Hüten des Ausgleichs sehen konnte. In Avena gab es keine Schlösser. Es gab nur die langsame, öffentliche Rechenkunst von Bedarf und Gabe: die Bäckerin, die Brote auf das Kühlbrett legte, den Ingenieur, der einem Fremden vor dem Regen das Dach flickte, die Großmutter, die bei den Sterbenden saß, damit die Nachtschwestern schlafen konnten. Nichts davon wurde bezahlt. Alles davon wurde gesehen. *Man braucht kein Geld, wo nichts verborgen ist* — das hatte ihre Lehrerin ihr am ersten Morgen gesagt, und Noor hatte es geglaubt, wie man an das Wetter glaubt.
Drei Jahre lang hatte sie die offenen Bücher gehütet, die großen öffentlichen Register, in denen Avena seine Güte verzeichnete, wie ältere Städte einst ihre Schulden verzeichnet hatten. Die Menschen lasen darin wie in der Zeitung: wer gegeben hatte, wer gebraucht hatte, wie sich das Rad drehte. Es war eine schöne Rechnung, und kein einziges Mal hatte Noor sie mangelhaft gefunden.
Dann, an einem grauen Morgen im Monat des Regens, fand sie das andere Buch.
Es lag hinter dem Schrank der vergebenen Kränkungen, in einer Nische, die sie hundertmal