Erstes Kapitel
Der Juni hatte angefangen und mit ihm in den Gärten des Rosenzüchters Firmin Charmois die Blüte. In mehrfachen Reihen standen die Hochstämmer geradlinig beisammen oder begrenzten die Gartenwege, an deren Winkeln sie niedergehaltene Büsche und geschweifte Beete bildeten; Schlingrosen rankten sich an Bäumen und Mauern empor oder schlangen zierliche Gewinde um den Bogengang des Mittelwegs. Wach geküßt von der Sonne öffneten sich die Blumenkelche in aller Mannigfaltigkeit ihrer Farben von dem Blaßgelb der Marschall Niel bis zum tiefen Schwarzrot der Kaiser von Marokko, dem zarten Rosa der Malmaison bis zum feurigen Scharlach der Jacqueminot, und aus all diesen Kelchen strömten wonnige Düfte, echte Sommerluft in den klaren Morgen hinein, dessen festliche Schönheit der sonntägliche Klang der Kirchenglocken noch erhöhte. Mit einem gewissen Siegesgefühl durchschritt Firmin Charmois sein Reich, ein Reich der Sonne, der Farbe, des Dufts. Mit kräftigem, rührigem Schritt ging der mittelgroße, vollblütige Mann zwischen seinen Pfleglingen hin. Das gescheite Gesicht mit den dunklen Augen und blühenden Farben, dem breiten wohlwollenden Mund und der eigensinnigen hohen Stirne unter dem dichten, krausen, weißen Haar leuchtete vor Befriedigung. Die Hände in den Taschen seiner bequemen Joppe, schielte er von Zeit zu Zeit wohlgefällig nach dem roten Bändchen, das noch nicht lange sein Knopfloch