Aus dem Tagebuche einer Malerin
Die Schneeflocken tanzen in dichten Scharen vor dem Fenster des Ateliers, und ich sitze im Schaukelstuhle vor dem Kamin. Die Einladung für heute abend habe ich abgelehnt, denn seit ich von meiner italienischen Studienfahrt zurückgekehrt bin, möchte ich am liebsten in tiefer Einsamkeit leben, womöglich auch mit geschlossenen Augen; ist es mir doch, nachdem ich die Farbenpracht des Südens geschaut, als wandelte ich nun hier beständig in dunkler Nacht. Da greift meine Hand wie zufällig nach dem Fächer auf dem Tischchen zur Rechten, schlägt ihn auf und – O mia bella Venezia! rufe ich unwillkürlich. Eine reizvolle Ansicht des Dogenpalastes und der Piazetta leuchtet mir trotz der Dämmerung entgegen. Und nun sehe ich mich wieder in der Märchenstadt, auf dem schimmernden Kanal, im Zauberdunkel der Markuskirche und auch bei der freundlichen Wirtin, die mir so manche wohlige und interessante Stunde bereitete. Ja, ich höre sogar ihre klangvolle Stimme wieder – ich sitze wieder vor ihr, um Abschied zu nehmen, und sie widmet mir noch ein Plauderstündchen. Einen Fächer wollte ich mir noch zum Andenken mitnehmen, hatte ich ihr gesagt, einen solchen mit einer Ansicht von Venedig, wie ich deren verschiedene in den Schaufenstern gesehen, und nun weiss sie mir den besten Rat zu geben: »Einen solchen dürfen Sie nur bei Concetta kaufen, nur sie hat die wirklich künstlerisch gemalten. Sie werden es