Unter dem Halbmond
Unter dem Halbmond Reisebilder aus der Türkei Albert Langen, München 1924 Berechtigte Übersetzung von Gertrud Ingeborg Klett Revidiert und herausgegeben von J. Sandmeier 4. bis 6. Tausend Wir kommen von Osten und fahren nach Konstantinopel. Es ist ein milder Herbstabend. Das Schwarze Meer liegt metallglatt; längs der türkisch-armenischen Küste sehen wir Männer in Hemdärmeln vor ihren Häusern sitzen und rauchen; wir sehen den Rauch aus ihren Pfeifen steigen, so still ist es. Das ganze Schiff erzittert unter der Maschine. Wir sind an Bord des Marseillebootes »Memphis«. Die Memphis strengt sich an, was das Zeug hält, um noch heute abend nach Konstantinopel zu kommen. Aber je weiter wir vorwärtsbrausen, desto geringer wird die Hoffnung; der Kapitän antwortet uns allen: Nein, es sei zweifelhaft, ob wir's schafften. Gleich beim Einlaufen in den Bosporus, auf der Skutariseite, liegt nämlich eine kleine Stadt namens Kavák; diese Stadt haben wir noch nicht passiert und da sitzt der Knoten! Kavák sieht so unschuldig aus; ungeheure Mauern alter Festungsanlagen liegen auf der Höbe; aber in den Ruinen versteckt liegt auch eine starke Batterie moderner Kanonen, und wenn wir an diesen Kanonen nicht »vor Sonnenuntergang« vorbeikommen, so ist die Bahn gesperrt. Wir brausen weiter. Schon sehen wir ein Stück vor uns Kavák; aber der Kapitän antwortet uns jetzt allen: nein, wir schaffen's nicht!