Chapter

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Der Oktober läßt sich wonnig und heiter an; man könnte glauben, es sei Mai, wenn die teilweise schon fast völlig kahlen Baumwipfel nicht wären. Das Volksbad steht drüben beinahe wie ein Schloß an der wildrauschenden Isar, die Hochwasser hat, eine Folge starker Regengüsse, die tagelang im Gebirge niedergegangen sind. Vorgestern wäre der Fluß noch fast an allen Stellen des Münchener Burgfriedens zu durchwaten gewesen; dann begann rapid das Steigen des Wassers und hielt die ganze Nacht an. Hoch droben im fünften Stock des stattlichen, neuen Hauses der Steinzdorfstraße lehnt Ottilie Burkstaller am Fenster. Mit einem Feldstecher bewaffnet, späht sie hinunter auf den ausgelassenen, wildfröhlichen Fluß und das lebhafte Treiben. Die lichtgrauen, lebendigen Augen sind scharf genug, um auch ohne Hilfe in weite Fernen schauen zu können, aber sie interessiert sich mächtig für alle Einzelheiten und studiert bei derlei Anlässen auch gerne Gesichter und Mienen der Menschen. Ihre Ohren, unter einem Wust dunkelbrauner, rauher Haare verborgen, lauschen begierig auf die Stimmen, die lachend, rufend, oder hellaufkreischend durch die klare Herbstluft zu ihr heraufdringen. Die schlecht gezeichneten Nüstern der etwas dicken Nase ziehen die köstliche Luft ein, die direkt von der lichtbläulichen, fein getönten Bergkette zu kommen scheint. Plötzlich wirft Ottilie Burkstaller den Kopf heftig zurück, so

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