Die Geschichte der Esther Blümele
Schwere, plumpe, alltäglich aneinander gereihte Häuser, hellgrün, rosa oder auch gelb angestrichen, armselige Kramläden, in welchen Legionen von alten Stiefeln und Schuhen, dazu alte Hosen, alte Hüte, alte Haare und unter Umständen alte Knochen zum Verkaufe ausgeboten werden, unappetitliche Winkelschlächtereien, in denen das Fleisch nicht frisch, Hökerladen, in denen das Gemüse welk ist, dazwischen eng verschlossene, unheimlich stille Baracken mit verschmitzten Hehlermienen, hier und da ein zufällig geöffneter Thorweg, durch den man in ein rembrandtdüsteres Schattenlabyrinth blickt, dazu eine rachytische, schachernde, schnarrende, theils jüdische, theils christliche Bevölkerung, eine Atmosphäre von Knoblauch, schlechtem Fett und ungesunder Ausdünstung, im ganzen Aussehen die cynische Lässigkeit eines Viertels, in dem die Allgemeinheit des Elends einen Jeden davon befreit, sich seines speziellen Elends zu schämen und es zu verstecken, etwas, das an die finstere Verdrossenheit des Trastevere in Rom und zugleich an den zudringlichen Straßenschacher des mercato vecchio in Florenz erinnert: das ist die Judenstadt zu Prag, nun freilich schon seit geraumer Zeit durch die moderne Humanität in »Josefstadt« umgetauft! In diese theils nüchterne, theils ekelhafte Umgebung träumt der berühmte Judenfriedhof hinein, ernst und schauerlich wie eine alte Legende, die sich in den Roman eines