Ungleiche Seelen
Novelle von R. Artoria. „Signori – una barca! Hôtel Europa! Hôtel Bellevue! Hôtel Aurora!“ so rief es hundertstimmig in tollem Durcheinander vor dem breiten Quai des Bahnhofes von Venedig, dort, wo der Strom der Reisenden sich über die große Treppe von der Einsteighalle nach dem Canal hinunter ergießt. Mancher, der seit seiner Schulzeit die Lagunenstadt als auf Pfählen stehend zu denken gewohnt war, bekam doch bei dieser Gelegenheit die erste Vorstellung von ihrer gänzlichen Droschkenlosigkeit und stand verblüfft dem dicht vor ihm beginnenden schwarzen Gondelgewirr gegenüber, eine Beute der zugreifenden Facchini, die ihn und seine Habe auf’s Schnellste dem großen Canal zur Weiterbeförderung überantworteten. Bereits Localkundige wußten sich solchen ungebetenen Liebesdiensten energisch mit ein paar kurzen Worten zu entziehen. Virtuose hierin schien ein älterer Herr mit grauem Filzhut zu sein, der gänzlich unbelästigt an einem Gascandelaber stand und mit scharfen Augen über das Menschengewimmel hinsah, ohne bis jetzt den Gondolier, den er wünschte, gefunden zu haben. Das seitwärts von ihm stehende junge Paar überließ ihm diese Sorge offenbar gern; die Blicke der schönen Dame im eleganten Reisekleid streiften neugierig über das belebte Bild hin. „Nun, das ist ein hübscher Anfang des malerischen Venedig, Herr Björnson!“ sagte sie scherzend zu ihrem Begleiter, einem hochgewachsenen