Über den umbrischen Tiber
Wenn nichts mehr aus der alten Zeit des Romulus und Remus redete und die letzten Jungen jener milden Wölfin von einem der vielen Abbruzzenjäger erschossen sind, und wenn die mittelalterlichen Städtekriege und die napoleonischen Feldzüge und die Amerikaner und die Museen alle Dokumente beiseite geschafft hätten, ein unbestechlicher Zeuge aus jenen Tagen bleibt: der Tiber. Und er redet noch aus der gleichen Lunge wie vor dreitausend Jahren, und er hat noch das gleiche graubraune dunkle Auge und führt noch die gleiche Hirtensprache und atmet noch den gleichen sagenschweren Duft wie damals, als Ennius von den ersten Etruskern und Volskern ein Kapitel seiner Annalen begann. Einmal bin ich nachts bei offenem Fenster in Orvieto hoch oben auf dem Berg erwacht... vielleicht vom Glockenschlag, der so silberig dünn hinter dem Riesendom hervor eine Stunde nach Mitternacht anschlug. Der große italienische Himmel sah durchs Fenster. Nicht so blitzend klar und zündend frisch wie unser nordischer Meer- und Gebirgshimmel, der, von grauen Wogen oder von dunkeln Tannen oder von hellem Schnee umrahmt, oft eine fast eisige Bläue und eine metallene Sternenkraft besitzt. Nein, der leise, weiche, wohlige italienische Himmel, wie Sammet mit feinen goldenen Nadelstichen darin. Dieser Himmel, der so schwärmerisch macht, der voll Liebesabenteuer ist, der das in such a night des »Kaufmanns von Venedig«,