Chapter

Ulrich, der Empfindsame

Erzählung. 1796. In einer Stadt, wo man schon sehr früh, um die Aufklärung zu befördern, Leihbibliotheken einrichtete, damit die Jugend, so wie sie lesen könne, lerne, wie man lieben und verzweifeln, deklamiren und tragiren, auch wie man zärtliche Dialogen führen müsse; in dieser Stadt, wo die Knaben im zwölften Jahre Verse machten und im vierzehnten die Dichter Deutschlands vom ersten bis zum letzten rezensiren konnten, in dieser Stadt lebte Hartmann, ein alter reicher Kaufmann, den die jungen Leute geizig nannten, weil er sich einfach trug und kein Mitglied ihrer Ressourcen war, man ihn auch nie auf einem Kaffeehause Billard spielen sah; alte Leute nannten ihn einen Sonderling, weil er fast mit Niemand in der Stadt Umgang hatte, sondern sich immer nur mit sich selber beschäftigte. Hartmann hatte in seinen jüngern Jahren viele Reisen gemacht, und war dabei mit mancherlei Menschen in Bekanntschaft gerathen; er hatte viel erfahren, und sich mit in den bunten verworrenen Zirkeln gedreht, aus denen das seltsame Ding vom menschlichen Leben gebildet ist. Er hatte hundert Freunde treulos und eigennützig, tausend Bekannte albern und langweilig, dreitausend Frauenzimmer koquett und ohne Herz gefunden, so daß ihm, als er älter ward, der Umgang mit Menschen anekelte. Er etablirte eine Handlung und spekulirte kaltblütig und gut, sein Vermögen wuchs mit jedem Jahre, und um einen Erben

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