Uferleute
Nicht die Wellen haben es gesungen – Was wissen die Wellen von der Liebe? Nicht die Vögel haben es gepfiffen – Was wissen die Vögel von den Menschen? Es geschah in der Stadt und stand in jeder Zeitung – Aber was weiß auch die Zeitung? Nur der Dichter versteht, der allen freund ist. Auf eine Stunde weit hatte der Rhein die Felder überflutet. Ohne Regung und sonnenbeschienen, wie eine Metallscheibe, lag das Wasser da. Ein weitästiger Baum stand einsam mitten darin. In seinem Zweigwerk sprangen an allen Ecken und Enden die schmalen Blätter aus den braunen Knospenknoten, und über ihm und immer um ihn her lärmte ein tausendstimmiges Vogelvolk. Auf den Baum zu kam ein junger Mann. Das Wasser ging ihm bis an die Hüften, und er schob die Flut mit den Schenkeln vor sich her. Oft hielt er die Hand an die Augen und sah nach dem Baum hin. Mit vorgebeugten Schultern und weitgesetzten Beinen kam er schnell näher. Um das Gleichgewicht zu wahren, machte er sonderbare Bewegungen mit den Armen. Dann stand er still, hielt die Hände, zu einem Kreis gebogen, vor den Mund und rief: »He, Grete! Bist du da?« Aus dem Baum kam keine Antwort, aber um so kräftiger, in wachsender Angst und Erregung schritt er aus, und als er unter den breitgebogenen Ästen stand, rief er laut auf in freudigem Schreck. Über zwei Äste gestreckt lag das junge Mädchen da, ihre Arme hielten den dicken Stamm umfaßt, und ihre