Über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung
Mein näherer Umgang und mein Briefwechsel mit Schiller fallen in die Jahre 1794 bis 1797; vorher kannten wir uns wenig, nachher, wo ich mich meistenteils im Auslande aufhielt, schrieben wir uns seltener. Gerade der erwähnte Zeitraum war aber ohne Zweifel der bedeutendste in der geistigen Entwicklung Schillers. Er beschloß den langen Abschnitt, wo Schiller seit dem Erscheinen des »Don Carlos« von aller dramatischen Tätigkeit gefeiert hatte, und ging unmittelbar der Periode voran, wo er, von der Vollendung des »Wallensteins« an, wie im Vorgefühl seiner nahen Auflösung, die letzten Jahre seines Lebens fast mit ebenso vielen Meisterwerken bezeichnete. Es war eine Krise, ein Wendepunkt, aber vielleicht der seltenste, den je ein Mensch in seinem geistigen Leben erfahren hat. Das angeborene, schöpferische Dichtergenie durchbrach, gleich einem lange angeschwollenen Strome, die Hindernisse, welche ihm zu mächtig angewachsene Ideenbeschäftigung und zu deutlich gewordenes Bewußtsein entgegensetzten, und es trug aus diesem Kampfe selbst die Form idealer Notwendigkeit reiner und klarer heraus. Den glücklichen Erfolg dieser Krise verdankte Schiller der Gediegenheit seiner Natur und der rastlosen Arbeit, mit der er auf den verschiedensten Wegen der einzigen Aufgabe nachstrebte, die reichste Lebendigkeit des Stoffs in die reinste Gesetzmäßigkeit der Kunst zu binden. Er bedurfte hierzu zugleich