I
Durch Erfahrungstatsachen die Kunst zu tyrannisieren, waren die Griechen so weit entfernt, daß sie weit eher von der Kunst ihr Leben, ihre Sitte und Religion beherrschen ließen. Erst die Römer waren es, welche an die Literatur heterogene Maßstäbe legten und für die Kunstkritik praktische Zwecke einführten. Cicero war es, der mit seiner zusammengelesenen tuskulanischen Weisheit gegen die Schilderung des Schmerzes polemisierte, und durch den Philoktet des Sophokles zu beweisen suchte, daß die Dichter das Volk entnerven, wenn sie Heroen klagend aufführen. Cicero glaubte, daß man die Römer zu Gladiatoren bilden müßte, die freilich dadurch beleidigten (da sie bezahlt waren), daß sie in dem Schmerze ihrer Wunden stöhnten und eine Empfindung hätten rege machen können, welche die Zuschauer rührte. Cicero würde demnach keinen Anstand genommen haben, mit seiner stoischen Voraussetzung die rhetorischen Deklamationsdramen, welche später unter dem Namen eines Seneca liefen, dem gefesselten Prometheus und dem Philoktet vorzuziehen; denn, wie Lessing sagte, dieser schlechte Philosoph hielt das Theater für eine Arena, und für etwas Unmännliches, wenn Helden Gefühl zeigen, ihre Schmerzen äußern und die bloße Natur in sich wirken lassen. Lessing fügte hinzu, daß in Helden das Menschliche schildern das Höchste wäre, was die Weisheit hervorbringen und die Kunst überhaupt nachahmen könne. Die