Der lahme Engel
Gegen Ende des zwölften Jahrhunderts war die Provence voll von dem Ruhm einer eben so weisen als schönen Dame, der Vizgräfin Beatrix von Beziers, Schwester des Vizgrafen Ademar, der nach dem Tode seines älteren Bruders Roger die Herrschaft über die lachenden Fluren und stolzen Schlösser seines Gebietes angetreten hatte. Er selbst war seit Jahren verwittwet, hatte seine beiden jungen Söhne an den Hof des Königs von Frankreich gesandt, daß sie dort frühzeitig ritterliche Künste und höfische Sitte lernten, und lebte mit der unvermählt gebliebenen Schwester auf der Burg von Beziers, die einsam zwischen dunklen Wäldern und zerstreuten Gehöften auf einer geringen Anhöhe lag und von ihren höchsten Thurmzinnen nach Süden hinaus dem Blick bis ans Meer zu schweifen verstattete. Er war ein strenger, starrsinniger Herr, den man niemals lachen sah, außer über die Possen seines Narren, was er sich selber dann oft so übel nahm, daß er an dem armen Wicht, den er doch eigens zu solchem Dienste fütterte, seinen Ingrimm mit Peitschenhieben ausließ. Gesang und Tanz erschollen niemals auf der Burg von Beziers, obwohl die Provence von höfischen Sängern und Spielleuten wimmelte, und selbst als der Vizgraf noch ein jugendlicher Herr war, mied er die Weiber und schien auch seine eigene Schwester nur mit heimlichem Unmuth neben sich zu dulden. Vor Jahren hatte er sie sehr geliebt und in Ehren gehalten,