Chapter

Trostschrift an Marcia

I. (1.) Wenn ich nicht wüßte, Marcia, daß du von der Schwäche eines weibischen Gemüthes eben so weit entfernt bist, als von den übrigen Fehlern, und daß man in deinem Charakter gleichsam ein Musterbild alter Zeit erblickt: so würde ich es nicht wagen deinem Schmerze entgegen zu treten, dem selbst Männer gern nachhängen und beharrlich fröhnen, und ich würde nie die Hoffnung gefaßt haben, es bei so ungünstiger Zeit, vor einem so feindseligen Richter und bei einer so gehässigen Beschuldigung bewirken zu können, daß du dein Geschick von der Anklage frei sprächest. Vertrauen gab mir deine schon bewährte Seelenstärke und deine durch eine schwere Probe bestätige moralische Größe. (2.) Es ist offenkundig, wie du dich gegen die Personen deines Vaters benommen, den du nicht weniger, als deine Kinder, geliebt hast, nur den Umstand ausgenommen, daß du nicht wünschtest, er möchte sie überlegen, und ich weiß nicht, ob du es nicht sogar gewünscht hast. Denn große kindliche Liebe erlaubt sich wohl auch Etwas gegen die Gute Sitte. Du hast, so viel du konntest, den Tod des Aulus Cremutius Cordus, deines Vaters, zu verhindern gesucht. Als es dir klar geworden war, daß ihm mitten unter den Schergel des Sejanus nur der eine Weg offen stehe der Knechtschaft zu entfliehen, hast du seinen Vorsatz [freilich] nicht begünstigt, aber doch besiegt ihm die Hand gereicht und deine Thränen fließen lassen;

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