Sechstes Kapitel
Frau Thekla befand sich in ihrem Schlafzimmer. Die Schneiderin war bei ihr. Auf allen Möbeln, ja selbst auf dem Bett lagen Kleider, Umhänge, Mäntel und Taillen umher. Und immer noch mehr davon schleppte Hedwig herbei. Wernberg war auf einige Tage verreist. Seine Gattin benutzte die Gelegenheit, ihre Gesellschaftstoiletten einer gründlichen Musterung zu unterziehen. Man war schon mitten drin in der Winterszeit, aber die eigentliche Saison begann doch erst zu Neujahr. Drei Winter hintereinander war Thekla nun schon als verheiratete Frau ausgegangen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte es damit gut sein können; eine Mutter gehörte doch eigentlich nicht auf Bälle! – Aber Leo war anderer Ansicht. Er hatte ihr wiederholt auseinandergesetzt, daß der Hof es ihnen ernstlich verargen würde, wenn sie sich ohne triftigen Grund hätten zurückziehen wollen. Außerdem sei man es sich selbst schuldig und schließlich auch dem Jungen, die tonangebende Stellung, die man innehatte, nicht aus Bequemlichkeit aufzugeben. Thekla hatte sich bisher noch immer diesem Wunsche gefügt, weniger, weil seine Gründe sie überzeugt hätten, als vielmehr, weil sie sah, daß, im geselligen Treiben zu stehen, für ihn Lebensbedürfnis war. Man hatte heute bereits ein gut Stück Arbeit hinter sich. Verschiedene Kleider waren anprobiert worden. Einige wurden als veraltet zurückgestellt, andere sollten aufgefrischt werden.