Chapter

1. Hammelblut

Als das ganz eigenartig-schaurig klingende Jaulen zum zweiten Male durch den dichten Dschungel irgendwoher bis zu uns in unsere Baumkrone herüber klang, sagte Harald Harst zu mir: »Damit Du es weißt: das ist ein Tiger, der eine Liebeserklärung macht!« Er sagte es mit gedämpfter Stimme, indem er sich etwas zu mir hinbeugte, denn wir saßen auf zwei Aststümpfen eines von Lianen umsponnenen Urwaldriesen etwa zehn Meter über dem Erdboden und konnten durch ein Loch im Blätterdach gerade auf den kahlen, sandigen Hügel inmitten der steinigen Lichtung hinabsehen, auf dem sich eine jener Tempelruinen erhob, die man in der Nähe größerer Städte überall in Indien antrifft. »Mir sehr gleichgültig,« meinte ich auf Haralds Worte hin etwas gereizt. »Mir wäre es lieber, Du sagtest mir, weshalb wir beide hier bereits seit Sonnenuntergang auf dem Baum hocken und uns von den verdammten Stechmücken piesacken lassen, denn trotz meiner Handschuhe und trotz des Schleiers haben ein paar der Bestien …« »Still!« Nur eine gehauchte Warnung. Und — mein Ärger über Harsts Geheimniskrämerei war im Moment verraucht. Ich starrte hinab auf die im bleichen Mondlicht daliegende Ruine. Ich ahnte ja: etwas mußte sich ereignen! Ein Harald Harst sitzt nicht zwecklos vier Stunden auf einem Urwaldriesen. Und — ich sah nun auch etwas. Aus dem Dunkel des Dschungelrandes löste sich eine Gestalt heraus. Ein Inder — ein

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