Chapter

Die unversicherte Brigg

Ich habe Tante Fritzchen als Knabe gekannt und wiederum später als erwachsener Mensch, in ihren letzten Jahren. Aber ich muß sagen: Die beiden Erinnerungsbilder passen schlecht genug zu einander, decken sich nur in wenigen Punkten; das Bild aus der Kinderzeit steht vor mir streng und herb und ernstlich furchterweckend, das spätere zeigt mir etwas wie eine komische Alte mit einem goldenen Herzen. Es scheint also, daß auch das sonst so sichere Gefühl des Kindes ausnahmsweise doch einmal sehr gründlich irren kann. Freilich war Tante Fritzchen selbst eine Ausnahme von allen vernünftigen Regeln. Und so wurde sie denn auch von den andern Leuten des kleinen Hafenstädtchens je nach deren eigenen Erfahrungen so grundverschieden beurtheilt, daß es ein Wunder zu hören war; schier alle menschlichen Eigenschaften von ausbündiger Herzensbosheit bis zur selbstlosesten Engelgüte wurden ihr zugesprochen. Der Auszug und Durchschnitt aller dieser Meinungen lautete ungefähr: sie ist am Ende doch nicht ganz so schlecht, als es den Anschein hat. Die Lösung dieses Widerspruches, so einfach sie war, ist mir doch erst ziemlich spät aufgegangen, erst als ich schon eine Menge Geschichten, die im Volksmunde von ihr umliefen, eifrig gesammelt und mit eigenen Erlebnissen und Beobachtungen verglichen hatte. Diese Lösung war die, daß sie von Hause aus so weichen und liebreichen Gemüthes, so recht empfindsam

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