Der erste Brief
Es war ein Glück, ein seltener Zufall, es war ein unerhörter, ein märchenhafter Glückszufall, dachte Sybille, die mühsam nach irgendeinem Wort suchte, das diesem Ereignis gerecht werden könnte. Einem Ereignis, das gestern hätte eintreten können oder morgen oder irgendwann, vielleicht sogar überhaupt nicht, und nun zu so glücklicher Stunde geschah. An diesem Vormittag, der schulfrei war, und gerade als Sybilles Mutter ausgegangen war, um einzukaufen. Eine Tätigkeit, die jetzt, wo es das meiste doch auf Marken gab, die man vorweisen mußte, die abgeschnitten werden mußten, immer reichlich viel Zeit in Anspruch nahm. Sybille hätte ihrer Mutter diese Arbeit gern abgenommen, natürlich. Sie hatte sich sogar dazu angeboten, nicht ohne Überwindung, weil sie doch gerade so ein wahnsinnig interessantes Buch las, das ihr Hanni gepumpt hatte. Aber die Mutter hatte nur gelächelt und dann gedankt. »Furchtbar nett, mein Mädel«, hatte sie gesagt, »aber du sollst diesen unverhofften Ferientag einmal richtig genießen.« Und sie war losgezogen, während Sybille teils dankbar, teils mit etwas schlechtem Gewissen zurückblieb. Denn wer weiß: wenn sie ihr Angebot etwas nachdrücklicher, etwas herzlicher vorgebracht hätte, dann wäre die Mutter vielleicht doch und ganz gern darauf eingegangen. Aber nun war sie froh, daß sie zu Hause geblieben war. Denn wenig später hatte es geklingelt, der Briefbote hatte