Chapter

Das Pendel

Hier soll ein schattenhaftes Schicksal geschildert werden. Konturen eines Juden, von seltsamer und doch ewiger Konstellation zart auf den Untergrund einer Epoche gezeichnet, sollen hier nachgezogen werden. Wir wollen sehen, ob solche Kontur, wenn wir sie um ein Weniges und ihr Gemässes in der Trennung des umrissenen Körpers von dem umgebenden Raum verstärken, nicht doch Gestalt aus sich enthüllt, die unter dem Schattenhaften ihres Daseins eine Seele und ein lebendiges Sein aufdeckt. Vielleicht spricht sie dann mehr zu uns, als sie Geschriebenes – Verse, Gedanken, für uns Gesprochenes – hinterlassen hat. Wir wollen noch einmal, von innen her gezwungen, Dienst verrichten an der noch nicht zuende gelebten und im Erleben noch nicht ausgeschöpften Vergangenheit unseres Volkes. Aus der Zeit des deutschen Mittelalters, aus jener zwiespältigen Epoche, in der die Form des Lebens und der Sinn des Lebens vergeblich nach einer Übereinstimmung suchen, ist eine Sammlung von Liedern erhalten geblieben, die nach ihrem mutmasslichen Sammler Ruediger Manesse aus Zürich die Manessische Handschrift genannt wird. Eine bunte und erlauchte Gesellschaft ist da versammelt: grosse und kleine Poeten, ritterliche und bürgerliche Sänger, gescheite und platte Spruchdichter, Minnesänger und Moralisten; so wie die unruhige Bewegtheit einer Zeit es mit sich bringt, die in kurzen Zuckungen von Blüte zu Verfall

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