Sturm in Schmalebek
Sie saßen auf den Prellsteinen vor der Einfahrt zur Post, Änne und Brigitte Rottmann. Änne mit den silberblonden Zöpfen und Brigitte mit den fuchsroten. Neben Änne lehnte der braune Hans, der Doktorsjunge mit dem Murillokopf, der seinen beiden Schwestern nicht eine Spur ähnlich sah, aber genau so ungezogen war wie sie. Sie warteten alle drei auf die Postkutsche von Kiel, mit der kam Ilsebill, die große Schwester, die immer lachende Augen und ein frohes Wort für das Kleeblatt hatte. Aber die Postkutsche kam und kam nicht. Das gehörte zu ihren berechtigten Eigentümlichkeiten. – Ich bitte Sie, wann in aller Welt gab es eine Post, die zur gegebenen Zeit eintraf? Man lebte noch in jenen Jahren, wo jedermann Zeit hatte und Ruhe die erste Bürgerpflicht war. Vor der Post dehnte sich der große Marktplatz, dreimal zu groß für den kleinen Ort. Schmalebek zählte im Jahre 1842 genau dreitausendsiebenhundertneunundneunzig Einwohner, denn der braune Hans, der das achte Hundert voll machte, kam um eine halbe Stunde zu spät. Nun waren fünf Jahre vergangen, und man durfte hoffen, nicht allzufern mehr von viertausend zu sein. Für den Fall – im Herbst war wieder Zählung – sollte ein großes Fest gefeiert werden, und der Flecken würde den Namen einer Stadt erhalten. Drüben über dem sandigen, ungepflasterten Platz lagen die Häuser des Doktors und des Predigers, und die hohen Linden vor ihren Türen