Das Leere Boot
Das Boot trieb am Sonntagmorgen in die Bucht von Meersburg, leer und sauber, als hätte es nie Passagiere getragen. Es war ein Familienboot, ein weißer Gleiter namens Sonnenkind, registriert auf Thomas Berger, dreiundvierzig, Architekt aus Konstanz, Vater von zwei Kindern, Ehemann von Claudia Berger, geborene Meister. Die Bergers waren am Freitagabend zu einer Abendfahrt aufgebrochen — das bestätigten die Nachbarn, die Hafenmeisterin, die Überwachungskamera am Steg. Vier Menschen hatten das Boot bestiegen. Keiner war zurückgekehrt.
Dr. Maren Vogt erreichte den Tatort am Montagmittag, nachdem die lokale Polizei kapituliert hatte. Sie war Kriminalpsychologin beim BKA, spezialisiert auf Fälle, die keinen Sinn ergaben, und dieser Fall ergab keinen Sinn. Keine Blutspuren, keine Kampfspuren, kein Hinweis auf ein Verbrechen — nur ein leeres Boot auf stillem Wasser und vier Menschen, die es nicht mehr gab. Die Schwimmwesten hingen ordentlich an ihren Haken. Die Picknickdecke lag gefaltet auf der Sitzbank. Auf dem Steuerrad klebte ein Post-it-Zettel, beschrieben in Thomas Bergers Handschrift: *Wir sind dort, wo das Wasser aufhört.*
Maren stand am Bug des Bootes und blickte über den Bodensee, der an diesem Herbstmorgen so still lag wie flüssiges Blei. Ein See, dachte sie, hört nirgendwo auf. Er hat Ufer, er hat einen Grund, aber er hört nicht auf, nicht im Sinne eines Endes. Die