Das Gespraech
Sie trafen sich nun jeden Tag, nicht verabredet, sondern zufällig, mit der Art von Zufälligkeit, die entsteht, wenn zwei Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein wollen und so tun, als wäre es nicht so. Am Strand, im Laden, auf der Bank vor der Kirche, wo die Abendsonne das Meer in Kupfer und Gold verwandelte. Sie sprachen über Bücher und Vögel und die Form der Wolken, und manchmal schwiegen sie, und das Schweigen war genauso wertvoll wie die Worte.
Sie hieß Miriam, und sie war Lehrerin. Heinrich lachte, als sie es ihm erzählte, und sagte: Ich auch, einmal, in einem anderen Leben. Sie erzählte von einer Klasse, die sie nicht erreichte, von einem System, das sie erschöpfte, von der Frage, ob das, was sie tat, einen Unterschied machte. Heinrich hörte zu und erkannte in ihren Worten die Zweifel, die er selbst getragen hatte, dreißig Jahre lang, und die er erst losgeworden war, als eine ehemalige Schülerin ihm einen Brief geschrieben hatte, zwanzig Jahre nach dem Abitur, in dem stand: Sie haben mich gelehrt, zwischen den Zeilen zu lesen, und das hat alles verändert.
Am letzten Tag ihres Aufenthalts saßen sie auf Heinrichs Veranda und sahen dem Meer zu. Miriam fragte: Was bleibt, wenn man so lange gelebt hat wie Sie? Heinrich dachte lange nach. Dann sagte er: Die Steine in der Schale dort haben am Strand wunderschöne Farben. Hier sind sie grau. Aber ich sammle sie trotzdem,