Die Frau Im Spiegel
Sie hieß Jana Reiter, und sie war er — oder vielmehr die Version von ihm, die in einer Welt existierte, in der sein Vater eine Tochter statt eines Sohnes bekommen hatte. Diese Information allein hätte gereicht, um Jans Verständnis von Realität zu erschüttern, aber Jana teilte ihm noch mehr mit, in einer Kommunikation, die durch die Spiegelfläche hindurch funktionierte wie eine Glasscheibe, die Schall übertrug: Ihre Welt war der seinen ähnlich, aber nicht gleich. Dort hatte die Berliner Mauer nie gestanden; Deutschland war seit 1945 vereint, unter einer Verfassung, die von einer Frau geschrieben worden war. Die Technologie war weiter fortgeschritten, die Gesellschaft anders organisiert, aber die Physik — die Physik war dieselbe, und Jana hatte dasselbe Experiment durchgeführt, zur selben Zeit, mit denselben Ergebnissen.
Die Spiegelfläche war stabil. Sie flackerte nicht, sie schwankte nicht, sie blieb einfach da, ein Fenster zwischen zwei Versionen der Wirklichkeit, das sich weder schließen noch bewegen ließ. Jan und Jana begannen, Informationen auszutauschen — wissenschaftliche Erkenntnisse, historische Daten, persönliche Geschichten —, und mit jeder Stunde, die verging, wuchs Jans Unbehagen. Nicht wegen der Spiegelwelt selbst, sondern wegen einer Beobachtung, die Jana beiläufig erwähnte: Die Fläche wurde größer. Unmerklich, aber messbar. Einen Millimeter pro Stunde.
Jan
