Speranza
Speranza. Novelle von A. Schneegans. Ein seltsam ergreifendes Bild war es, das sich an jenem Märzabend des Jahres 14.., in einem wilden Felsenthale, an der Ostküste Siziliens, dem Auge darbot. Auf einem Felsblock, die schmalen weißen Hände über die Kniee gefaltet, saß eine Jungfrau; sie trug das Gewand der Novizen des Ordens des San Benedetto. Ein wunderbarer Adel aber lag über der feinen, unter diesem einfach groben Anzug wie verschleierten Gestalt. Nicht für diese Nonnentracht schien das Mädchen geschaffen; nicht für hölzerne Sandalen dieser kleine Fuß, der unter der Kutte hervorblickte, nicht für die schmalanliegende Klosterhaube dies edelgeformte Haupt und das von schwarzen Locken umrahmte, griechisch geschnittene Antlitz; und dies tiefe Auge, mit den langen, wie aus Seide gewebten Wimpern und mit dem feuchtverklärten, so wunderbar leuchtenden Blick - nein! für die matte, kerzenzitternde Dämmerung einer engen Kapelle war dies Auge nicht geschaffen, sondern für die weiten, goldblitzenden Räume eines Fürstenschlosses, für das Wogen und Weben eines königlichen Hofstaates, unter schimmerndem Kronleuchter, inmitten von Rittern und Edelfrauen, mit Diamantengeflimmer und Geschmeidegefunkel! Weitgeöffnet, mit dem Ausdrucke des Schreckens und doch wieder des trotzigen Muthes, haftete das Auge auf der Erde, wo, zu Füßen der Jungfrau, von den Wellen des aus dem Felsen brechenden