Spekulation und Freundschaft
Spekulation und Freundschaft. Novelle von August Schrader. Im Jahre 18.. feierte die Residenz den Geburtstag des regierenden Fürsten durch besondere Festlichkeiten. Der geliebte Landesherr war fünfzig Jahre alt und hatte an diesem Tage die Zügel der Regierung fünfundzwanzig Jahre lang kräftig und weise geleitet. In allen Schichten der Bevölkerung gab sich heute das Bestreben kund, Dank, Verehrung und Freude auszudrücken. Die Ressource der Residenz, eine Gesellschaft, die fast alle höheren Beamten und angesehenen Bürger sowie die Offiziere der kleinen Garnison zu ihren Mitgliedern zählte, gab in dem großen Rathhaussaale einen glänzenden Ball. Der Fürst selbst hatte versprochen, einige Stunden der Gast seiner Unterthanen zu sein. Wir betreten um elf Uhr den großen, glänzend erleuchteten Saal. Die Tafel ist vorüber, und man tanzt die Polonaise. Die fürstliche Kapelle exekutirt meisterhaft Spohr’s herrliche Polonaise aus Faust. Unter den Säulen des Orchesters erblicken wir zwei Männer, die mit großem Interesse dem Tanze zusehen. Der eine von ihnen, eine stattliche Gestalt, ist der neue Kammerpräsident Seldorf, der vor sechs Wochen aus K. angekommen und seit dieser Zeit sein Amt verwaltet. Seldorf mochte fünf- bis sechsundvierzig Jahre zählen; er war, trotzdem sein Haar schon zu bleichen begann, ein schöner Mann zu nennen. Sein großes dunkeles Auge verrieth einen hohen Grad von