Chapter

Chapter One

Das Haus roch nach Salz und nach der Vergangenheit. Lina stellte ihren Koffer in den Flur und liess den Blick durch die Raeume wandern, die sie seit fuenfzehn Jahren nicht mehr betreten hatte — die Kueche mit den blauen Fliesen, das Wohnzimmer mit dem Blick auf die Duenen, das Regal voller Buecher, die niemand mehr las. Ihre Grossmutter hatte ihr das Haus hinterlassen, zusammen mit einem Brief, der nur einen Satz enthielt: *Bleib einen Sommer. Du wirst verstehen, warum.* Sie hatte nicht vorgehabt zu bleiben. Sie war gekommen, um das Haus zu verkaufen, die Erinnerungen zu sortieren und zurueck nach Hamburg zu fahren, wo ihr Leben wartete — oder zumindest das, was davon uebrig war, nachdem die Scheidung alles andere weggeraeumt hatte. Aber als sie auf die Terrasse trat und die Ostsee sah, grau und endlos unter einem Himmel, der aussah wie ein Aquarell, das noch nicht fertig war, blieb sie stehen. Das Meer hatte eine Art, die Dinge in die richtige Groesse zu ruecken. Ihre Probleme, die in Hamburg die gesamte Welt ausgefuellt hatten, schrumpften hier auf das Mass von Kieselsteinen am Strand. Am naechsten Morgen traf sie ihn. Er stand im Garten des Nachbarhauses und reparierte einen Zaun mit der konzentrierten Langsamkeit eines Menschen, der nirgendwo anders sein muss. Er war gross, hatte dunkles Haar mit den ersten grauen Straehnen an den Schlafen, und als er sie bemerkte und

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