Skirnir
Lieber um Liebe sterben als ohne Liebe leben. Skir hieß ein Bauer; der war frei, aber sehr arm. Denn sein Bauland lag all' in dem mitternächtigsten Teil von Norge, da, wo die Menschen ihr Leben kaum mehr fristen mögen; schmal war die Hufe, karg der steinige Boden: ganz nahe, nur pfeilschußweit von der niederen Hütte begann der Steinriesen Reich. Das Ärgste war: ein hoher und breiter Felsberg – eben Riesenheims Grenzburg – warf nahezu während des ganzen Jahres so kalten, finstern Schatten auf Skirs Ackerschollen und Wiesanger, daß da nichts gedeihlich wachsen wollte: nicht Spelt für die Menschen, kaum magres Gras für die beiden magern Ziegen; »die kalte Ecke« nannte man den schlimmen Berg. Wacker half dem Bauer bei aller Arbeit Ambla, sein Weib; aber wenig konnte ihm helfen, so eifrig der wollte, Skirnir, sein Sohn: denn der war blind geboren und hatte nie den schönen Glanz des Lichts gesehn. – Mehr als zwanzig Winter waren seit Skirnirs Geburt über das niedere Moosdach der Hütte hingegangen, da kam wieder einmal die Zeit, da es lenzt in glücklichen Landen. Aber wo Skir wohnte, lenzte es nicht. Nur Eisblöcke schmetterten von dem Riesenberg nieder auf das Rodland, Felstrümmer mit sich reißend, jahrelanger Arbeit Ergebnis mit Steingeröll überschüttend und verderbend, hatte die Mittagstunde den firnen Schnee des Gletschers ein wenig geschmolzen. Das war der armen Menschen Frühling.