Die Entlassung
»Kommen Sie, es ist Zeit«, drängte der Gefängniswärter. Scheithauer, der schon in Zivilkleidern war, verließ die kahle Zelle und folgte dem Voranschreitenden. Sein Gesicht war blaß, unbewegt und hilflos wie das eines Menschen, dem seit vielen Wochen unbegreifliches Unrecht geschieht. Drunten in der Vorhalle händigte ihm jemand seinen Koffer aus und führte ihn dann in das Bureau des Direktors. Denn es war üblich, daß dieser an jeden der zu Entlassenden ein paar Abschiedsworte richtete. Höflich und mit gesenkten Augen hörte Scheithauer den Beamten an, der eine goldene Brille trug und in wohlgebauten Sätzen redete. Als der Direktor zu Ende war, erwiderte Scheithauer: »Ihre Worte sind gut gemeint, aber treffen mich nicht. Ich bin unschuldig, mehr kann ich nicht sagen.« Mit einer kleinen, hölzernen Verbeugung verließ er das Zimmer. Der Beamte sah ihm gekränkt nach und murmelte: »Das behauptet so ziemlich jeder von den Brüdern.« Scheithauer durchschritt die mit Blattpflanzen geschmückte Vorhalle, sah sich einer von unsichtbaren Händen geöffneten Drehtür gegenüber, – dann stand er im Freien. Auf der breiten Granittreppe, die das Strafvollstreckungsgefängnis mit der Außenwelt verband, schlug ihm Novemberkälte entgegen. Unsicher und bedrückt blinzelte er wie ein des Schauens nicht mehr Gewohnter in die Dämmerung, die sich als graue, lockere Watte auf ihn zuwälzte. Es regnete ein wenig.