Chapter

Sina

Ein altes, steinernes Haus steht oben am Waldsaum, von wo man weit ins Thal hinab und über die grünen Wiesen hinsehen kann, wo im Frühling die goldenen Schlüsselblumen und rötliche Anemonen lustig aus dem Grase hervorgucken und im Sommer die Heuhäufchen herumliegen und lieblich duften. Am Hause liegt ein Garten, wo die Bienen über die Büsche der süßen Mainelken summen und weiße Schmetterlinge in die Luft steigen und wieder auf die Rosenhecke niedersitzen, die den Zaun des Gartens bildet. Dort stand vor Zeiten ein altes Mäuerchen, wo jetzt die Hecke blüht, und auf drei steinernen Stufen stieg man hinunter zu der hölzernen Bank unter der Vogelesche und auf den schmalen Wiesenweg, der zum kleinen Dorf hinab der Hecke entlang führte, welche die Güter des Forstherrn von denen der Nachbarn trennte. Auf dem Mäuerchen stand am lichten Sommerabend die fröhliche Sina und schaute erwartungsvoll ins Thal hinab. Sina war des Forstherrn Töchterchen. Seit mehreren Jahren bewohnte dieser nur noch mit der Mutter seiner verstorbenen Frau und seinem Töchterchen das alte Haus. Seine Frau hatte er kurz nach der Geburt des Kindes verloren und seine beiden Söhne, der eine zwölf, der andere vierzehn Jahre älter als die zehnjährige Sina, waren schon seit längerer Zeit vom Vaterhause fort. Erst hatten ihre Studien sie nach der Stadt geführt, dann war der ältere als Kaufmann nach Amerika gezogen und

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