Erstes Buch
Georg, Freiherr von Rockau, an Frau Agathe von Uechtritz Dresden, 12. November 1909. Gnädige Frau, ich bitte, Ihnen übermorgen zur Teestunde meinen Besuch machen zu dürfen. Ich möchte Ihnen das Buch persönlich bringen, von dem ich Ihnen gestern vorgeschwärmt habe. Sie waren willig, es mir zuliebe auch zu lesen. Tun Sie es! Ich bringe es Ihnen, wenn Sie es mir erlauben. Eben, ehe mir Niklas, mein treuer Diener, den ich aus dem Vaterhause übernommen, die Lampe auf dem Schreibtisch anschaltete und anknipste und zurechtrückte, mit behutsamer, ganz leiser, umständlicher Sorglichkeit, die mich an dem alten Mann immer von neuem rührt, (ahnt er, wie köstlich mir meine Träumereien sind?)–eben hatte mir die heure tendre der Dämmerung den ganzen gestrigen Abend zurückgezaubert. Einen lieben unvergeßlichen Abend! Ach, wie viele Abende bin ich gezwungen, mich an die große Gesellschaft zu verlieren, und am Tage darauf erinnert mich nichts daran! Ich habe eben gesagt: gezwungen. Nein, das wäre unaufrichtig. Denn ich bin ein freier Mann, vielleicht ein viel-zu-freier. Ich verachte jedwede Knechtschaft, auch die der Gesellschaft, und lege wenig Wert drauf, den mir zukommenden Platz in ihr einzunehmen. Gleichviel brauche ich Menschen, soignierte Menschen, innerlich wie äußerlich verwöhnte Leute um mich herum – wie der Fisch sein Wasser. Manchmal vermag ich bis zum Enthusiasmus lebhaft zu reden.