Erstes Kapitel
Von den überbliebenen Geschwistern der Familie Hebedich sahen sich nur mehr zwei des öfteren. Die andern waren in der ganzen Welt verstreut. Aber zwischen diesen beiden, dem Oberleutnant Christoph Hebedich und seiner Schwester Martha, bestand das zärtlichste Verhältnis. Die Hebedichs stammten aus Schlesien und waren auf Wiener Blut gepfropft. Von Schlesien her hatten sie ihre Tiefe, Bescheidenheit und die geruhige Seele, von Wien ein heiteres, adliges Lebenlassen anderer mitbekommen. Etwas Umständliches war aber beiden aus dem schlesischen Blute verblieben. Es äußerte sich bei Christoph als übertriebene Scheu vor neuen Menschen, bei Martha in einer unüberwindlichen und ihr selber peinlichen Wortkargheit, die ihr den Mund sogar dann verschloß, wenn sie sich zu einer wichtigen Aussprache gedrängt wußte. Nur mit ihrem Bruder konnte sie freier und lebendiger verkehren: vielleicht auch mit darum, weil viel Kontrast da war. Schon äußerlich. Der Bruder war aristokratenblond, die Schwester braun, beide ungemein adlig gebaut, sie aber zierlich. Marthas Gelenke und ihre gepflegte Gestalt forderten jedem Manne von Geschmack ein stillwünschendes Nachschauen ab. Aber fast niemals unternahm es einer, dem merkwürdig abweisenden und in sich geschlossenen Mädchen auf der Straße nachzutrollen, oder, im Festsaal etwa, das Gespräch mit ihr in leichtes Fließen zu bringen. Der Oberleutnant lebte für