1. Kapitel. Freitag, der 21. Dezember …
Anni Stelter tat noch immer, als ob sie schliefe. Sie hörte, wie ihr Mann das Tischchen leise neben das Bett stellte und das Teebrett vorsichtig niedersetzte. Ein Löffel klirrte leise, und der Duft des frisch zubereiteten Kakaos stieg Anni in das eigenwillige, halb in die Kissen vergrabene Stupsnäschen. Es war, wie immer, bevor Heinz Stelter in den Dienst ging. Nur daß Annis Laune sich seit gestern abend durchaus nicht gebessert hatte. So hörte Heinz behutsam in dem langgestreckten Schlafzimmer hin und her wandern, mit den ungleichen Schritten, an denen seine Beinverkürzung schuld war. ›Wenn ich nur erst allein wäre,‹ dachte sie gereizt. ›Weshalb schleicht er so?! Er weiß ja doch, daß ich wach bin! Komödie – ekelhaft!‹ Ihre Gedanken sprangen rückwärts … War das gestern wieder ein Nachmittag und ein Abend gewesen!! Was konnte sie dafür, daß er die Weihnachtsgratifikation von der Bank noch nicht erhalten hatte?! War sie dafür verantwortlich, daß sie nur wieder eine kraftlose Suppe auf den Tisch gebracht und nichts davon angerührt hatte, daß ihr dann die Galle überlief, als Heinz sich mit solchem Heißhunger über die Suppe hermachte und sie immer wieder als vortrefflich geraten lobte?! War sie nicht im Recht gewesen, als sie mit dem Fuße aufgestampft und ihm über den Tisch zugerufen hatte: ›Dir schmeckt ja alles – alles! Ob ich verhungere, ist dir gleichgültig!‹ Und – hatte er da