Schönheitszauber
Roman Globus Verlag G. m. b. H. Berlin W 66 Der schöne Sommertag ging zur Rüste und die Dämmerung wob ihre feinen, silbergrauen Schleier um die beiden gotischen Kirchtürme und die spitzen Giebeldächer der tief in den Talgrund eingebetteten alten Stadt, als Doktor Walter Relling von seinen gewohnten Krankenbesuchen nach Hause zurückkehrte. Die nachlässige Haltung seiner mehr als mittelgroßen, eckigen und hageren Gestalt wie der ernste, fast düstere Ausdruck seines klugen aber unschönen Gesichts ließen den vielbeschäftigten Arzt um ein beträchtliches älter erscheinen, als seine einunddreißig Jahre es rechtfertigten. Die tief unter stark gewölbten Jochbogen liegenden Augen hatten jenen scharfen, eigentümlich durchdringenden Blick, der den meisten Menschen so unbequem ist, und sie namentlich bei einem Arzte schüchtern und befangen zu machen pflegt. Walter Relling konnte sich denn auch kaum zweifelhaft darüber sein, daß er von der Mehrzahl seiner Patienten mehr gefürchtet als geliebt sei. Aber er war vollkommen damit zufrieden und hatte niemals den Versuch gemacht, etwas daran zu ändern, da er auf solche Weise ihres Gehorsams gegen seine Vorschriften jedenfalls ebenso sicher war, als wenn er sich bemüht hätte, durch geschmeidiges und einschmeichelndes Wesen ihr Vertrauen zu gewinnen. Erst seit kaum zwei Jahren in dem alten süddeutschen Städtchen ansässig und mit keinerlei