Erstes Kapitel
1. – Taceos funesta Ducatus Vulnera Jos. Gmelin. Der Sonntag schien hell durch das einzige Fenster des kleinen Gaststübchens, in welchem der junge Heinrich Koller noch in tiefem Schlafe lag. Er mußte etwas Angenehmes träumen, denn ein leichtes Lächeln belebte seine frischen Züge. Endlich aber störte ihn das Sonnenlicht, das ihm gerade ins Antlitz fiel. Eben schlug die Glocke auf dem nahen Turm, und die Hähne ließen wetteifernd ihre ländlichen Stimmen ertönen. »Im Haus ist noch alles still,« sagte Heinrich, indem er aus dem Bette sprang und sich ankleidete, »es ist noch früh am Tage, und doch schon so hell zu dieser Jahreszeit. Sei mir gegrüßt, o Licht! In Tübingen hast du mich nie so früh geweckt. Es ist doch etwas Herrliches ums Landleben, alles so hell und so still! Jetzt kann ich eben noch einen Spaziergang in der schönen Gegend machen und vielleicht dem Liebchen ein Schneeglöcklein, das sich vorwitzig ans Tageslicht gewagt hat, mitbringen. Sie wird noch sanft und heilig schlummern, das holde Kind!« Er eilte in den großen Pfarrgarten hinab, um an dessen Hintermauer den unmittelbaren Ausgang ins Freie zu gewinnen. Da sah er ein gelbes Hütchen durch die dichtstehenden, noch unbelaubten Bäume blinken; er schlich leise hinzu und hielt dem schlanken Mädchen, das, halb städtisch, halb ländlich gekleidet, in leichter knapper Tracht an einem Baume lehnte, die Hände vor die Augen.