Die Schattenwelt
Die Frau hieß Vera, und sie brachte Kaspar an einen Ort, den es nicht geben konnte. Zwischen den Mauern der Dresdner Frauenkirche existierte ein Raum, der auf keinem Bauplan verzeichnet war — ein Hohlraum aus Dunkelheit, in dem sich Schatten sammelten wie Wasser in einer Senke. Hier, erklärte Vera, trafen sich die Schattenläufer, jene seltenen Menschen, die die Grenze zwischen Licht und Finsternis überschreiten konnten.
Es waren vielleicht ein Dutzend, Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, alle mit derselben Eigenschaft: Ihre Schatten gehorchten ihnen nicht immer. Manche konnten ihre Schatten vorausschicken wie Kundschafter. Andere konnten in ihren eigenen Schatten hineintreten und an einem anderen Ort wieder hervortreten. Eine alte Frau in der Ecke formte aus Schatten Gegenstände, die sich real anfühlten, obwohl sie aus nichts bestanden.
Kaspar lernte, dass die Schattenläufer seit Jahrhunderten existierten und seit Jahrhunderten gejagt wurden. Es gab eine Organisation, namenlos und alt, die im Licht agierte und jeden auslöschte, der die Grenze überschritt. Sie nannten sich die Wächter der Ordnung, aber was sie wirklich wachten, war die Angst der Menschen vor dem, was in ihren eigenen Schatten lebte.