Schatten an der Wand
1. Kapitel. Die Abendzeitungen Berlins vom 26. Mai 1922 gingen wie die warmen Semmeln weg. Die Zeitungsverkäufer machten glänzende Geschäfte. All diese Blätter trugen als Locktitel auf der Vorderseite mit geringen Textabänderungen die gleiche Kunde: Harald Harst verschwunden. Wahrscheinlich ein Opfer der berüchtigten Eva Wilcword. Am Alexanderplatz kaufte auch der eine von zwei älteren, Rucksäcke tragenden Arbeitern solch eine Zeitung. Die beiden Arbeiter waren soeben durch eine Nebenpforte aus dem Polizeipräsidium gekommen. Sie gingen mit müden, schweren Schritten die Treppen zum Stadtbahnhof Alexanderplatz empor und pferchten sich mit in ein überfülltes Abteil 3. Klasse ein. Der Zug fuhr nach Halensee. In dem Abteil standen auch ein paar junge Leute, die sich mit der Lebhaftigkeit und der warmen Teilnahme der Jugend über Harsts Verschwinden unterhielten. Da fragte ein alter Herr, der aufmerksam bisher gelauscht hatte: »Entschuldigen Sie. Wer ist denn dieser Harald Harst?« »Wie — das wissen Sie nicht?!« rief der eine der jungen Leute. »Harst ist doch der bekannteste Liebhaberdetektiv, den die Welt seit der Phantasiefigur Sherlock Holmes besitzt! Sherlock Holmes lebte nur in der Phantasie des englischen Schriftstellers Doyle. Harst lebt wirklich, wohnt in Berlin-Schmargendorf, Blücherstraße 10, und hat zuletzt hier eine gefährliche Verbrecherbande verfolgt, für deren Leiterin