Chapter

Sandkorn im Sturm

Sara hob den Spiegel mit der rechten Hand, mit der linken hielt sie über der Brust ein goldfarbenes, schillerndes Seidentuch fest. Sie sprach mit ihrem Spiegelbild wie ein Kind, das sich von Erwachsenen unbeobachtet weiß. »Sara ist schön«, flüsterte sie. »Weißes, weiches Gesicht, keine Falten, keine Runzeln. Sara ist jung, vierundzwanzig Jahre, das ist kein Alter. Alle Zähne heil, weiß. Kannst lachen, soviel du willst, Sara. Bist jung und schön, Sara. Brauchst dir nichts gefallen zu lassen.« Sie horchte. Alles blieb still. Das Kind spielte irgendwo. Kein Mensch war in der Gaststube. Die Schwiegereltern schliefen. Wie gut, allein zu sein. Aber schon hörte sie unten Stimmen, die Schritte der Alten. Gleich wird die Schwieger kommen und sie rufen. Nie darf sie allein sein, nie. Ein Arbeitstier ist sie, nichts weiter. Ihr lächelndes Gesicht wurde böse, die dunklen, feuchten Augen kalt und stechend. Sie stand da bewegungslos und wartete. Ganz langsam kam jemand die Treppen herauf. Sie erkannte die gichtkranken, schlürfenden Schritte der Schwieger. Wie sie diese Schritte haßte. Sie schlug den Spiegel auf den Tisch, warf das Seidentuch zerknüllt in den Schrank. Im Türrahmen stand die Schwieger. Eine alte, verhutzelte Frau. Die schmalen Lippen versanken zwischen den zahnlosen Kiefern. Die grelle Stimme Saras schrillte in die Ohren der Alten: »Was suchen Sie hier. Was schnüffeln Sie

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