Sand
Historische Novelle von Max Ring. Ein frischer Herbstwind wehte über die Höhen des Thüringerwaldes, welcher noch in tiefe Nebel gehüllt war. Die ganze Landschaft glich einem wogenden Meere, aus dem nach und nach einzelne Punkte wie grüne Inseln emportauchten, wenn der Wind die wallenden Schleier hier und da zerriß. – Allmählich stieg auch die Morgensonne im Osten empor und ihre hellen Strahlen fuhren wie Schwerter in das Getümmel einer Schlacht. Wo sie hinfielen, zertheilte sich das dunkle, brodelnde Gewölk und öffnete eine freie Aussicht auf die freundliche Gegend. Die Spitzen der Berge traten immer klarer hervor und leuchteten in wunderbarer Pracht; der dichte Wald im Schmucke des Spätherbstes gewährte ein köstlich buntes Farbenspiel: vom fahlen Gelb bis zum leuchtenden Golde, vom sanften Rosa bis zum brennenden Purpur waren alle Tinten und Schattirungen vertreten, als hätte ein Maler seine riesige Palette über die Erde ausgeschüttet. – Dieses entzückende Schauspiel genossen zwei junge Männer, welche vor dem Gasthofe zur „hohen Sonne“ standen, wo sie zufällig sich gefunden hatten. Ihrer Tracht nach waren es Studenten, die nach demselben Ziele wanderten. Bald waren sie mit einander bekannt geworden, wie dies auf Reisen so leicht geschieht, besonders unter Mitgliedern der heiteren Burschenwelt. Beide waren am vorhergehenden Abend ermüdet von dem weiten Wege in das Wirthshaus