Die Verbotenen Zeichen
Yara zeichnete die Rune ins Wasser und sah zu, wie sie brannte. Keine gewöhnliche Flamme — das Feuer war blau und kalt und formte Gestalten, die sich bewegten wie lebendige Wesen. Die Meisterin hatte ihr verboten, diese Zeichen zu verwenden, die Runen der zweiten Schrift, wie sie sie nannte, mit einem Tonfall, der mehr Furcht als Respekt verriet. Aber Yara hatte schon als Kind gewusst, dass die offiziellen Runen nur die halbe Wahrheit erzählten.
Die Akademie der Runenweberei war ein Ort der Ordnung und Tradition. Jede Rune hatte ihren Platz, ihre Bedeutung, ihre Grenzen. Man lernte sie in festgelegter Reihenfolge, man webte sie nach vorgeschriebenen Mustern, und man stellte keine Fragen über die leeren Seiten in den alten Büchern — die Seiten, die herausgerissen worden waren, so sorgfältig, dass nur die Schnittränder verrieten, dass dort einmal etwas gestanden hatte.
Yara hatte die fehlenden Seiten gefunden, in einem verschlossenen Raum unter der Bibliothek, den offiziell niemand kannte. Die Zeichen darauf waren anders als alles, was sie gelernt hatte — wilder, älter, durchzogen von einer Kraft, die nicht um Erlaubnis bat. Als sie die erste dieser Runen zeichnete, auf ein Stück Birkenrinde, bei Kerzenlicht, allein in ihrer Kammer, spürte sie, wie etwas in ihr erwachte, das immer dagewesen war und nur darauf gewartet hatte, erkannt zu werden.