Erstes Kapitel.
Seit vierzehn Tagen geschieden und noch ganz im Freudenrausch über das Ende seiner Qual, spähte Regis von Fagan am heutigen Morgen durch die weit geöffneten Fenster seiner neuen Junggesellenwohnung nach dem Erscheinen seiner Töchter, deren Besuch ihm das Gericht an zwei Sonntagen im Monat zugesprochen hatte. Heute war ihr erster Sonntag, und unter dem Haufen von Frauenbriefen, die es seit einigen zwanzig Jahren auf den Tisch des beliebten Lustspieldichters geregnet, hatten ihm wenige das Herz so bewegt, wie dieses einfache, gestern angelangte Bilett: »Mein lieber Vater! »Wir werden morgen früh mit dem Zehnuhr-Zuge in Passy sein. Fräulein wird uns bis 37 Boulevard Beauséjour begleiten und uns abends ganz pünktlich neun Uhr wieder abholen. Deine Dich sehr liebende und verehrende Tochter Rosa von Fagan.« Darunter hatte in einer großen, noch etwas ungelenken Handschrift die jüngere Schwester ihren Namen »Ninette« geschrieben. Und jetzt in der Unruhe der Erwartung fragte er sich, ob sie auch wirklich kommen, ob die arglistige, betrügerische Mutter oder jenes undurchdringliche Fräulein nicht im letzten Augenblick einen Vorwand erfinden würden, um sie zurückzuhalten. Nicht daß er an der Liebe seiner Kinder gezweifelt hätte! Aber sie waren so jung – Rosa kaum sechzehn, Nina noch nicht zwölf Jahre alt – so schwach alle beide, sich feindlichen Einflüssen zu widersetzen, und zwar um so