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Ich saß eines Abends auf dem Criminalgerichte in meiner Arbeitsstube mit Lesen von Acten beschäftigt. Ich war damals Verhörrichter, hatte sehr viele Arbeit, war fast den ganzen Tag mit Inquiriren geplagt – es war noch die Zeit des geheimen schriftlichen Inquirirens – und mußte die Abende dazu verwenden, mich auf den morgenden Tag zu neuer Arbeit wieder vorzubereiten. Es war mir spät geworden. Ich war mit den wichtigeren Acten fertig. Die wichtigeren Acten sind meist zugleich die dickeren. In den unbedeutenderen und dünneren konnte ich mich morgen während der Termine informiren und orientiren. Ich wollte mich nach Hause begeben. Da trat noch ein Gefangenwärter in mein Zimmer. Er trug ein versiegeltes Schreiben. Er übergab mir dieses, und meldete, daß die Gefangene, die es betreffe, gleichzeitig mit dem Schreiben in der Gefängnißexpedition abgeliefert sei. „Es scheint eine vornehme Dame zu sein,“ setzte der Mann hinzu. „Eine Dame?“ fragte ich. „Sie ist in schwarze Seide gekleidet.“ „In schwarzer Seide gehen auch andere, als vornehme Damen.“ „Der Polizeicommissarius, der sie arretirt hatte und selbst zum Gefängnisse ablieferte, brachte sie in einer Droschke.“ „Wie sieht sie sonst aus?“ „Sie ist noch jung und ein sehr schönes Frauenzimmer.“ „Ist sie schon in eine Zelle gebracht?“ „Sie ist noch in der Expedition. Der Herr Inspector wollte ihr ohne nähere Bestimmung des Herrn