Chapter

Kapitel 1

Die Eltern Yvetts und die Eltern Lottes pflegen Sonntag vormittag gemeinsam zu promenieren, bei gesellschaftlichen Gelegenheiten treten sie stets eng verbunden auf den Plan, und überhaupt betrachten sie sich gegenseitig als über allen Zweifel erhabene Familien. So darf Lotte, natürlich, stets das tun, was Yvett von den Eltern gestattet wurde, und umgekehrt. Auch wenn Yvett in Wahrheit gar nichts gestattet worden war; Lotte behauptet es nur mit frecher Stirn. Und umgekehrt. Selten einmal kam der düstere Schwindel ans Tageslicht. Liebe verbindet die sechzehnjährige Lotte und die sechzehneinhalbjährige Yvett freilich nicht gerade. Auf keinen Fall eine Liebe, der man irgendein bedeutenderes Opfer zumuten dürfte. Viel eher schon sind gelegentlich kleine gegenseitige Bosheiten mit diesem Gefühl zu vereinen. Besonders Lotte hat sich da manches geleistet. Wie oft hatte Yvett Ursache, herzzerreißend über die Rücksichtslosigkeit der Freundin zu weinen. Ob aus Schmerz darüber, daß Lotte fähig war, wieder einmal dermaßen unschön an ihr zu handeln, oder vielleicht auch nur aus Erbitterung, daß die Strahlende sie eben ständig im Schatten läßt, das weiß Yvett wohl selbst nicht. Sie weiß wenig. Dafür freilich fühlt sie alles doppelt stark. Es wäre aber voreilig und ungerecht, Lotte ihrer Rücksichtslosigkeit wegen nun gleich zu verdammen. Bedenkt man nämlich, daß Yvett doch aus weitaus

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